Von der Kirche

Peregrinamur a Domino!
Wir pilgern fern vom Herrn!

Mit diesem Ausspruch des heiligen Augustinus beginnt die Schwierigkeit, zu erkennen, was der Begriff „Kirche“ bedeutet. Der traditionelle Begriff der Kirche als „Volk Gottes“ versagt, zumal auch diese Zuordnung als dunkel bezeichnet werden kann. Man fragt sich vielleicht, ob mit dem Volk Gottes nicht die Gesamtheit der Menschen gemeint sei. Man glaubt vielleicht mit Bezug auf die Omnipräsenz Gottes, dass die Kirche theoretisch überall beheimatet sei. Die Zuordnung als „Volk Gottes“ hat aber allein dadurch schon eine andere Bedeutung bekommen, dass die Gemeinde der Christen sich nicht im Tempel versammelt hat, sondern eigene Gotteshäuser errichtete.

Es wird gesagt, dass die Kirche „das“ Volk Gottes sei. Der Gebrauch des bestimmten Artikels setzt voraus, dass der Leser bzw. Hörer bereits wisse, um welches Volk es sich handle. Und darum kommt in diesem Zusammenhang Israel als das ursprünglich gemeinte Volk Gottes kaum in den Sinn. Soviel hat sich in der Theologie des Kirchenverständnisses der verschiedenen Konfessionen aber bereits gezeigt: Der historische Jesus hatte offensichtlich nicht vor, eine von Israel unabhängige Glaubensgemeinschaft zu gründen. „Vielmehr wollte er das Zwölf-Stämme-Volk wiederherstellen.“ (Peter Neuner: Kirche. In: Lexikon Theologie. Hundert Grundbegriffe, hrsg. von Alf Christophersen und Stefan Jordan. Reclam: Stuttgart 2004, 175).

Die Sache Jesu

Von Klaus Berger stammt der Satz, dass es in der Bergpredigt um „etwas scheinbar Abseitiges“ gehe (Klaus Berger: Jesus. München 2007, S. 321). Das müsse bedacht werden, wenn die Bergpredigt recht interpretiert werden soll. So gibt es laut Berger keinen Grund, die Bergpredigt allein als „ethisches Fundament“ (ebd.) zu betrachten. Zwar werde auch auf dies reflektiert, auf den „Einsatz für die Opfer und Schwächeren in unserer Gesellschaft“ (ebd.). Dennoch sieht Berger keinen Grund dafür, den religiösen Anspruch in der Rede Jesu zu missachten. So sei auch ein utopischer Gehalt von vornherein auszuschließen. Wer mit dem Text vertraut ist, weiß, dass diese Interpretation in der Tat eine abenteuerliche Verkennung darstellt. Sinnvoll wird die Bergpredigt nämlich erst in ihrer religiösen Auslegung. Nichts könne daher die scheinbar abseitige Rede vom „Schatz im Himmel“ ersetzen (vgl. Mt 6,19–21), sie steht Klaus Berger zufolge im Zentrum der Worte Jesu (ebd.).

Die Bergpredigt enthält die Aufforderung, sich zu Gott hinzuwenden. „Der absolute Wert – der Schatz – ist für Matthäus die Anerkennung der Herrschaft Gottes und die bedingungslose Unterwerfung des Menschen unter sie“ (ebd.). Dieser Satz Bergers ist hart, weil er Distanz zur Welt anzeigt.

So sollt ihr beten!

Schalke unser im Himmel /
Du bist die auserkorene Mannschaft /
verteidigt werde Dein Name /
Dein Sieg komme /
wie zu Hause so auch auswärts /
unseren üblichen Heimsieg gib uns immer /
und gib uns das „Zu Null“ /
so wie wir Dir geben Unterstützung /
und niemals vergib denen aus der Nähe von Lüdenscheid /
wie auch wir ihnen niemals vergeben werden /
und führe uns stets ins Finale /
denn Dein ist der Sieg und die Macht /
und die Meisterschaft in Ewigkeit /
Attacke!

Jedes Gebet, auch das vorliegende, enthält ein Wort der Liebe. Natürlich ist das Schalkeunser nur im Alltag denkbar. Man könnte es als Übertreibung betrachten („Du bist die auserkorene Mannschaft“), doch eine Parodie auf das Vaterunser ist es gewiss nicht. Denn wer wollte abstreiten, dass diese Worte voll von Liebe sind? Beten bedeutet in diesem Zusammenhang, gerührt sein, Rufer (in der Fankurve) sein, laut sein. Jeder, der diese Worte ernsthaft spricht, wird die bösen Geister vertreiben („und niemals vergib denen aus der Nähe von Lüdenscheid“) und wird unmittelbar beteiligt wirken, was vielen Betern des Vaterunsers abgeht.

Arbeitsanregungen:

  • Schreiben Sie das Vaterunser um – beziehen Sie sich auf Ihren geliebten Verein, Ihre geliebte Stadt, Ihre geliebte Modemarke o. Ä.!
  • Vergleichen Sie Ihr Gebet mit dem Original (Mt 6,9–15). Benennen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Die Seligpreisungen

Wer bereits alle Wünsche aufgebraucht hat, der kann im Grunde nicht fromm sein. Wer nur zu Haus sitzt und sich mit dem begnügt, was er hat, der kann wohl keinen Schatz im Himmel besitzen. Es gibt daher Grund genug für Jesus, die „Bettler“ (Mt 5,3) glücklich zu preisen. Denn nur die Armen im Geiste sind fromm, und ihre Wünsche sterben nicht aus. Es gibt viele Theorien darüber, worum es in der Bergpredigt (Mt 5–7) eigentlich geht. Vermutlich geht es hauptsächlich um die Frage, was Frömmigkeit ist, mit anderen Worten: welche Haltung Gott gegenüber angemessen ist. An der Bergpredigt wird fassbar: die tradierte Religion kann darauf keine Antwort mehr geben. Was in dieser als Gesetz vermittelt wird, soll sich ja in konkreter Gerechtigkeit vollenden. Deswegen ist in der Rede Jesu vermutlich auch von den „Klägern“ (Mt 5,4) die Rede. Denn es gibt einen Riss zwischen Gesetz und Gerechtigkeit. Es genügt eben nicht, sich an den Wortlaut des Gesetzes zu halten.

Matthäus 5,1–12

1 Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.
3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; /
denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die keine Gewalt anwenden; /
denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; /
denn sie werden satt werden.
7 Selig die Barmherzigen; /
denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die ein reines Herz haben; /
denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; /
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; /
denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

Arbeitsanregungen:

  • Machen Sie sich zunächst Ihre eigenen Wünsche bewusst und ordnen Sie Ihre Wünsche der Wichtigkeit nach. An welchen Wünschen hängen Sie besonders?
  • Welche Werte kommen in ähnlicher Form in der Bergpredigt vor?
  • Übertragen Sie die Seligpreisungen in Ihre Sprache.

Die Insel der Gerechten

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Die Sache der Gerechtigkeit

Zur Tugend im ursprünglichen Sinn des Wortes wird Gerechtigkeit erst dann, wenn sie wirklich in sittliche Verhältnisse eingreift. Nur so entsteht das gemeinsame „gute“ Leben. Es hat allerdings den Anschein, als ob die Vorstellung von einem „guten“ Leben unvereinbaren Einzelinteressen folgt. Ist das so, dass der Einzelne stärker durch sein Eigeninteresse gelenkt wird, dann dient Gerechtigkeit aber allein dem Zweck, Schlimmeres, das sich sich daraus ergeben könnte, zu verhüten. Sie erscheint als Mittel des Ausgleichs, und ihre Nähe zu Gesetz und Strafe ist damit implizit gegeben. Ein Schaden wird zum Beispiel aufgrund des Gesetzes wiedergutgemacht. Derjenige, der den Schaden verursacht hat, ist unter der Androhung von Strafe dazu verpflichtet, einen angemessenen Ausgleich zu leisten. Es drängt sich die Frage auf, ob die Idee der Gerechtigkeit damit erfüllt wäre. Gerechtigkeit macht offenbar Mühe, und ihre Sache bedarf des Gesetzes und der Strafe.

Arbeitsanregungen:

Sie haben sich entschlossen, der Idee der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt gerecht zu werden und sind dafür gemeinsam auf eine Insel gezogen. Das gemeinsame „gute“ Leben soll von Regeln bestimmt sein. Einigen Sie sich auf

  1. zehn Regeln,
  2. und einen gemeinsamen Tagesplan.

Überlegen Sie dabei, wie Sie individuelle und allgemeine Interessen miteinander vereinen können, wie Sie die notwendigen Aufgaben verteilen. Verhängen Sie Strafen, falls die Inselregeln nicht befolgt werden? Begründen Sie möglichst viele Entscheidungen grundsätzlicher Art mit den entsprechenden Versen aus der Bergpredigt. Protokollieren Sie Ihre Beratungen und Entscheidungen und hängen Sie die Inselordnung auf Plakaten aus.

Versuch, einen Vater zu finden

Jesus als Theodidakt

Unser Wissen über den historischen Jesus ist gering. Nichts ist erhalten, von dem vermutet werden könnte, dass Jesus selbst es der Nachwelt überliefert hätte. Es sind die Anderen, die an Jesus erinnern. Sie sehen in ihm den von Gott Verheißenen, den Messias. Sie wissen auch genau, was damit gemeint ist. Ihm ist die Vollmacht gegeben, Gottes Volk zu erlösen von den Sünden. Das erwarten seine Anhänger. Wie aber sieht Jesus sich selbst? David Friedrich Strauß, der Begründer der Leben-Jesu-Forschung, bezeichnet ihn in diesem Zusammenhang als „Theodidakten“. Jesus ist demnach derart mit Gott verbunden, dass jede weitere Frage nach seinem Selbstverständnis sich erübrigt. D.h. Jesus ist kein Autodidakt, einer, der „sich selbst“ ausbildet. Vielleicht ist es so merkwürdig nicht, wie es scheint, dass einer so einig mit dem Vater ist, dass er es als seine „Speise“ betrachtet, den Willen des Vaters zu tun (Joh 4,34: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen“). Jesus vertraut dem Vater offenbar völlig, ohne dabei aber in Passivität zu verfallen. Nein, merkwürdig ist es nicht. Denn Jesus ist es geglückt, einen Vater zu finden.

Das Gesetz ist überall zu finden –

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Gerechtigkeit und Gesetz

Im Matthäusevangelium steht die Bemerkung über Josef, der sich Maria, seiner Verlobten, gegenüber gerecht verhält, indem er ihr Kind adoptiert (vgl. Mt 1,18–25). Der Fall liegt so: Als seine Verlobte einen Sohn empfängt, weiß Josef, dass er nicht der Vater ist. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass Josef, der einfache Zimmermann, den Fall zur Anzeige gebracht und damit öffentlich gemacht hätte. Im Gegenteil, rechtschaffen, wie er ist, möchte er Maria heimlich aus dem Verlöbnis entlassen. Nicht in bitterer Rechthaberei, sondern in der Gerechtigkeit steckt der Segen. Dieser Gedanke wird dem Leser des Matthäusevangeliums immer wieder entgegengehalten, und er wird in der Vorgeschichte des Evangeliums bereits deutlich. In der Bergpredigt steht dann genauer, was unter der Gerechtigkeit zu verstehen sei: die Erfüllung des Gesetzes (vgl. Mt 5,17–20). Die irdische Tora, das Gesetz, ist jüdischer Denkungsart zufolge überall zu finden: „Denn Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschieht“ (Mt 5, 18). Nur soviel ist allerdings klar: Die Gerechtigkeit darf nicht in Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit enden, sonst blieben nämlich die Tore der himmlischen Tora verschlossen. „Ich sage euch nämlich: Wenn eure Gerechtigkeit nicht im Überfluss vorhanden ist, mehr als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr keineswegs in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20).

Der Davidssohn

Der Stammbaum Jesu bei Matthäus (1,1–17)

Von der Lücke im Stammbaum Jesu ist bereits die Rede gewesen. Es hat sich gezeigt, dass sich ein Teil des Stammbaums dem so genannten kommunikativen Gedächtnis verdankt. Der andere Teil, welcher sich in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments erhalten hat, stammt aus dem so genannten kulturellen Gedächtnis. Für Matthäus, der den Stammbaum Jesu an den Anfang seines Evangelienberichts gestellt hat, sind vermutlich die in den Büchern der Chronik (1 Chr 1,34–2,14) und im Buch Ruth (Rut 4,18–22) aufgeführten Stammbäume in Betracht gekommen. Diesen Stammbäumen in Auswahl folgend, gibt Matthäus einen kurzen, aber sorgfältig geordneten Abriss über die Nachfahren Abrahams. Abwärts bis zu den Nachkommen Serubbabels schöpft Matthäus damit aus dem kulturellen Gedächtnis des Judentums. Dabei hält der Verfasser des ersten Evangeliums sich nur grob an das, was ihm vorgegeben ist. Denn Matthäus’ Interesse gilt hauptsächlich dem Nachweis der Abstammung Jesu von König David. Ihn leitet kein historisches Interesse, demzufolge er alles, was ihm an kultureller Erinnerung überliefert ist, zweckfrei und nach genauer Prüfung mitzuteilen hätte. Er möchte vermitteln, dass Jesus als Adoptivsohn Josefs in der rechtlichen Nachfolge dieses Königs steht. So sind auch die folgenden Kapitel dieses Evangeliums zu interpretieren.

The Floating Gap

Der Stammbaum Jesu (Mt 1,1–17)

Die Vorgeschichte: 1,1 – 2,23

1 Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams:
2 Abraham war der Vater von Isaak, /
Isaak von Jakob, / Jakob von Juda und seinen Brüdern.
3 Juda war der Vater von Perez und Serach; ihre Mutter war Tamar. /
Perez war der Vater von Hezron, / Hezron von Aram,
4 Aram von Amminadab, /
Amminadab von Nachschon, / Nachschon von Salmon.
5 Salmon war der Vater von Boas; dessen Mutter war Rahab. /
Boas war der Vater von Obed; dessen Mutter war Rut. / Obed war der Vater von Isai,
6 Isai der Vater des Königs David. /
David war der Vater von Salomo, dessen Mutter die Frau des Urija war.
7 Salomo war der Vater von Rehabeam, / Rehabeam von Abija, / Abija von Asa,
8 Asa von Joschafat, /
Joschafat von Joram, / Joram von Usija.
9 Usija war der Vater von Jotam, /
Jotam von Ahas, / Ahas von Hiskija,
10 Hiskija von Manasse, /
Manasse von Amos, / Amos von Joschija.
11 Joschija war der Vater von Jojachin und seinen Brüdern; das war zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft.
12 Nach der Babylonischen Gefangenschaft war Jojachin der Vater von Schealtiël, /
Schealtiël von Serubbabel,
13 Serubbabel von Abihud, /
Abihud von Eljakim, / Eljakim von Azor.
14 Azor war der Vater von Zadok, /
Zadok von Achim, / Achim von Eliud,
15 Eliud von Eleasar, /
Eleasar von Mattan, / Mattan von Jakob.
16 Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; /
von ihr wurde Jesus geboren, / der der Christus (der Messias) genannt wird.
17 Im Ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen.

Von den verschiedenen Arten, einen Evangelienbericht zu beginnen, ist bereits die Rede gewesen. Nun soll der Anfang des Matthäusevangeliums eingehender betrachtet werden. David Friedrich Strauß, der Vater der Leben-Jesu-Forschung, bezieht mit klaren Worten zu dieser Eröffnung Stellung: „Wenn es sich darum handelte, die Abkunft von David, die Jesu nach den Vorstellungen seines Volks, wenn er der Messias war, zukommen musste (Joh. 7,42. Röm. 1,3), nachzuweisen, so war dieses Geschäft von beiden Seiten her durch zwei entgegengesetzte Umstände erleichtert: dadurch nämlich, daß Davids Geschlecht abwärts wie aufwärts ebenso bekannt, als das Geschlecht Jesu ohne Zweifel unbekannt war.“ (David Friedrich Strauß: Das Leben Jesu, 53). Die Aufmerksamkeit muss besonders auf die Ausdrücke „abwärts“ und „aufwärts“ gerichtet werden. Für David Friedrich Strauß kommen damit zwei entgegengesetzte Gedächtniskategorien in Betracht – der Aspekt des kulturellen Gedächtnisses wie der Aspekt des kommunikativen Gedächtnisses. Sachlich entspricht dem Ausdruck „abwärts“ der Begriff des kulturellen Gedächtnisses. „Also von Adam bis zu Serubabel und seinen nächsten Nachkommen lief der genealogische Faden, wie er im Alten Testament gegeben war, herunter; hier ging er nun freilich zu Ende und hing in der Luft, und zwar war er um beiläufig fünfhundert Jahre zu kurz, um welche er, wenn er als Stammbaum Jesu gelten sollte, verlängert werden mußte“ (ebd.). Es muss hinzugefügt werden, dass das von Strauß beschriebene Problem der Lücke (floating gap) nicht untypisch für die Genealogien der alten Kulturen ist. Für alle diese Chronologien, Königslisten, Adelsregister und dergleichen gilt derselbe Vorbehalt, dass nämlich mit einer Lücke zwischen der Zeit des kulturellen Gedächtnisses und der Zeit des kommunikativen Gedächtnisses (oral history) gerechnet werden muss. Daraus folgt, wohlgemerkt, nicht unbedingt, dass den Menschen der betroffenen Zeit diese Lücke auch bewusst gewesen sein muss. Strauß jedoch scheint Matthäus einen frommen Betrug (pia fraus) zu unterstellen.

Arbeitsanregung:

  • Erforschen Sie Ihre eigene Erinnerung, notieren Sie, wie weit Sie Ihren eigenen Stammbaum rekonstruieren können. Bei welcher Generation stoßen Sie auf Wissenslücken, bei zwei oder drei Generationen aufwärts?

    Im Anfang war das Wort

    Die Aufgabe Jesu

    Die Aufgabe Jesu lässt sich als Sendung durch den Vater umschreiben. Die Sendung durch den Vater ist das Schicksal, dem Jesus folgt. Die Aufgabe wird durch die Begriffe Mittler und Erlöser bezeichnet. Was den ersten Begriff angeht, so ist klar, dass Jesus zwischen Gott und dem schuldig gewordenen Menschen vermittelt. Wobei wichtig ist, herauszustellen, zu welcher Zeit Jesus der Mittler zu dieser Aufgabe gefunden habe: zu seiner (historischen) Zeit, der Zeit des Galiläers? Und wenn es ihm bekannt gewesen sein sollte, was er aus sich hervorbringen würde, war es ihm von Anfang an bekannt? Es ist doch überraschend, dass die Aufgabe Jesu im Johannesevangelium einen Sprung ohnegleichen vollzogen hat. Denn trotz oder wegen der Aufgaben, die Jesus in den synoptischen Evangelien zukommen, wird an den Anfang des Johannesevangeliums der Mythos des fleischgewordenen Wortes gestellt.

    Gottfried Benn: Ein Wort (1941)

    Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
    erkanntes Leben, jäher Sinn,
    die Sonne steht, die Sphären schweigen
    und alles ballt sich zu ihm hin.

    Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
    ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
    und wieder Dunkel, ungeheuer,
    im leeren Raum um Welt und Ich.

    Das Evangelium nach Johannes: Der Prolog: 1,1-18

    1 Im Anfang war das Wort, /
    und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.
    2 Im Anfang war es bei Gott.
    3 Alles ist durch das Wort geworden /
    und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
    4 In ihm war das Leben /
    und das Leben war das Licht der Menschen.
    5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis /
    und die Finsternis hat es nicht erfasst.
    6 Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.
    7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
    8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
    9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, / kam in die Welt.
    10 Er war in der Welt /
    und die Welt ist durch ihn geworden, / aber die Welt erkannte ihn nicht.
    11 Er kam in sein Eigentum, /
    aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
    12 Allen aber, die ihn aufnahmen, /
    gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, / allen, die an seinen Namen glauben,
    13 die nicht aus dem Blut, /
    nicht aus dem Willen des Fleisches, / nicht aus dem Willen des Mannes, / sondern aus Gott geboren sind.
    14 Und das Wort ist Fleisch geworden /
    und hat unter uns gewohnt / und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.
    15 Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war.
    16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, / Gnade über Gnade.
    17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
    18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

    Arbeitsanregungen:

    • Lesen Sie sich in das Gedicht von Gottfried Benn hinein. Lassen Sie sich dazu Zeit, alle Details genau wahrzunehmen.
    • Ersetzen Sie das Titel gebende „Wort“ durch die Äquivalente aus der griechischen Philosophie der Antike: lógos vs. mythos – welcher Begriff passt Ihrem Empfinden nach am besten?
    • Lesen Sie nun den Prolog des Johannesevangeliums: Welche Elemente der im Buch Genesis enthaltenen Schöpfungsgeschichten erkennen Sie wieder?
    • Erschließen Sie die Bedeutung des Prologs für die Christologie. Versuchen Sie die dem Gottessohn zugewiesenen Aufgaben zu beschreiben.
    • Arbeiten Sie den gedanklichen Zusammenhang mit dem Film „Jesus von Montreal“ heraus.