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Babylonien und Juda

Weltanschauungen im Widerstreit

König ist Nebukadnezar, und er herrscht über das Königreich von Babel, das vor langer Zeit das Reich von Assur im Norden abgelöst hat. Nebukadnezar herrscht wie Marduk über die Seeschlange Tiamat, und seine Herrschaftsansprüche werden von seinen sieben Astrologen bestätigt. Nacht für Nacht sitzen sie auf dem vielgeschossigen Turm namens Zikkurat und beobachten die Himmelszeichen. Der Turm ist ihr Standpunkt und bestimmt ihre Art und Weise, die Welt zu sehen.

Einen völlig anderen Standpunkt vertritt Aaron, ein einfacher Bauer aus der fernen, von den Babyloniern im Westen besetzten Provinz Juda. Schon seine Bewegungen fallen anders aus als die seines Begleiters. Schau nur, scheinen dir nicht seine Beine zu schwer? Unablässig schüttelt er den Kopf wie ein Schwermütiger. Er spricht von dieser Provinz als seiner Heimat, dem Land seiner Väter. Enki, sein Begleiter, betrachtet den Bauern mit den schweren Beinen und den großen Händen mit den gewölbten Fingernägeln wie ein Kunstwerk. So hat Marduk am Anfang der Schöpfung die Menschenpuppe aus Lehm geformt, ihr den Kopf auf den Rumpf gesetzt, denkt Enki.

Aufgaben:

  • Welche Unterschiede bestehen deiner Meinung nach zwischen Aaron und Enki?
  • Denk an unser Rollenspiel, denk aber auch an die Schöpfungserzählungen, die das Denken von Aaron einerseits, aber auch von Enki widerspiegeln.
  • Ergänze die folgende Tabelle. Übertrage sie zuerst in dein Heft.

Aaron

  • Seine Welt ist die Welt des jahwistischen Schöpfungsberichts (Gott als Töpfer, Mensch aus Lehm).
  • Seine Heimat ist die von den Babyloniern im Westen besetzte Provinz Juda.
  • Juda ist das Land von Aarons Vätern, das Land, das Abraham, Jakob und Moses ver-sprochen worden ist.

Enki

  • Seine Welt ist von Architekten bestimmt: gerade, groß.
  • Vermutlich ist Babylonien auch sauber. Es gibt Kanäle, Abwassersysteme.
  • Die Regierung König Nebukadnezars verwaltet Enkis Welt durch Beamte, auch durch beamtete Priester.
  • Die Babylonier sind Experten auf dem Gebiet der Mathematik und der Astronomie.
  • Die Sagen der Babylonier sind reich ausgeschmückt und von der Sprache her hoch stehend.
  • Die Religion ist keine Privatangelegenheit.
  • Der Himmel ist die Wohnung der Götter. Sterne sind Götter.
  • Der Kalender ist bis in die ferne Zukunft vorausberechnet.

Bibellektüre für Fortgeschrittene

Der vierfache Schriftsinn

Von Bertolt Brecht, nach seinem Lieblingsbuch gefragt, heißt es: „Sie werden lachen – die Bibel.“ Dieses Zitat macht deutlich, welchen Eindruck die Heilige Schrift selbst bei denen hinterlässt, die nicht im Verdacht stehen, religiöse Leser zu sein. Hat Brecht, der Realist, mit gestütztem Kopf über der Bibel liegend, Entspannung gesucht, Trost empfunden, sich vielleicht moralische Gewissheit verschafft? Wie dem auch sei, die Vorstellung, dass die Bibel, rein zur Unterhaltung verschlungen, zur Lieblingslektüre wird, mag befremdlich wirken. Die Fachleute sprechen im Gegenteil von gestufter Lektüre. Über vier Stufen, wie über die Schwelle in Salomos Tempel, gelange der Leser in das Innere des Textes, hätten die Kirchenväter hinzugefügt.

Littera gesta docet,
quid credas allegoria,
moralis quid agas,
quo tendas anagogia.

(Der Buchstabe lehrt die Ereignisse,
was du zu glauben hast, die Allegorie,
die Moral, was du zu tun hast,
wohin du streben sollst, die Anagogie.)

Brecht deutet an, dass die Bibel entspannt und mit Lust gelesen werden könne. Die Bibel enthält einer solchen Auffassung nach Geschichten, deren Weg – wenn die Zeit dazu vorhanden ist – mit Interesse verfolgt werden kann wie die Geschichten über den listenreichen Odysseus oder über den Herrscher von Camelot. Die Bibel lehrt freilich in großen Teilen geschichtliche Gegenstände (littera gesta docet), interessante Geschichten von uralten Geschlechtern, sagenhaft nachgeformt, findet der Leser dagegen nur in Ausnahmefällen, z. B. in den Davidssagen.

Wie spricht die Bibel beispielsweise von der Entstehung der Welt: Wünscht die Schöpfungsgeschichte sich den lauten und eindringlichen Vortrag vor einer Ver-sammlung oder den privaten Leser in der stillen Kammer? Wie soll die Stellung-nahme des Lesers oder der versammelten Gemeinde ausfallen?

Arbeitsanregungen für kreative Köpfe:

  • Wie liest du die Schöpfungsgeschichte?
  • Wie deutest du sie – historisch, allegorisch, moralisch, anagogisch?
  • Worin liegt ihr Sinn?
  • Wie würdest du sie illustrieren, inszenieren?
  • Wie würde sie als Gesellschaftsspiel vom Publikum aufgenommen werden?
  • Wie könnte die Spielanleitung formuliert werden?

GRÖSSERE GERECHTIGKEIT

Das Familienwappen des Tiberius

Anfangs war zwischen Arm und Reich noch alles in leidlicher Ordnung. Alle trugen den gleichen wollenen Umwurf, die Toga.

Nach den erfolgreichen Kriegen hatten sich die Gegensätze verschärft, die Kriegsbeute war ungleich aufgeteilt worden: Die Armen auf dem Land mussten sich neuerdings mit selbstherrlich auftretenden Großgrundbesitzern herumschlagen.

Die Armen in der Stadt gingen mit der Armut anders um als die Armen auf dem Land. Sie verschwanden in der Subura, dem ältesten Elendsviertel Roms. Auch die weiße Toga war in diesem Viertel beinahe verschwunden. Tiberius hatte den Wunsch, etwas an dieser Lage zu ändern. Die Frage der Landverteilung sollte nicht nur in der Senatsversammlung beraten werden, der ja viele Großgrundbesitzer angehörten.

Tiberius bestieg daher die Rostra. Der junge Mann, der in dem beständigen Verkehr hin- und hergejagter Leute auf dem Forum die Rednerbühne bestieg, stammte aus einer der vornehmsten Familien Roms, was allein an ihrem Alter ersichtlich war. Tiberius war erfüllt von der Sehnsucht nach der größeren Gerechtigkeit. Wie viele vom Hunger aufgedunsene Männer, Frauen und Kinder irrten in den Straßen umher! Sklaven stritten sich um einen dunklen Quadrans, der ihnen von Tiberius zugeworfen worden war. Der Gerechtigkeit wegen hatte der junge Mann sich in ein politisches Amt wählen lassen. Vielleicht auch um seinetwillen. Denn auch er sollte Erfolge haben wie alle in seiner alten und vornehmen Familie.

 

Arbeitsanregung:

Größere Gerechtigkeit – das könnte auch für Jesus ein Wappenspruch sein. Aber passt der Stier als Wappentier zu ihm?

  • Entwirf ein Wappen für Jesus. Dieses Wappenblatt soll das Titelblatt für deine Religionsmappe werden. Teile das Wappen in zwei Felder auf. Das linke Feld sollte das Familienwappen beinhalten, das rechte sollte für Jesus persönlich vorgesehen sein. Achte darauf, dass Jesus aus einer jüdischen Familie stammt (Religionsbuch S. 78–79). Welche Symbole sind typisch für eine jüdische Familie? Und was ist ein Symbol für Jesus persönlich? Fällt dir ein Wappentier ein? Vergiss auch nicht, ein Motto für Jesus zu formulieren!