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Ist alles nichts?

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Hiob und Elifas

In der bibelkundlichen Literatur werden die Freunde Hiobs zumeist als Seelsorger bezeichnet. Ihre Aufgabe sehen sie darin, Hiob dabei zu helfen, sein Leid zu bewältigen. Sie besuchen ihn und sitzen sieben Tage und sieben Nächte bei ihm. Sie sagen kein Wort, sie fallen ihm nicht zur Last mit irgendwelchen Fragen. Sie wühlen nichts auf. Dann aber ergreift Elifas das Wort, Hiobs Klage unterbrechend. Die Worte Elifas‘ klingen wie von langer Hand vorbereitet. Sie machen den Anschein, als sei Elifas von ihnen aufgewühlt worden in den Tagen und Nächten der Stille.

Elifas sieht nun seine Aufgabe darin, dem Freund Mut zu machen. Dafür tritt er der Klage Hiobs entgegen. Er sieht nämlich, dass Hiobs Seele in größter Unordnung ist, als dieser den Tag seiner Geburt verflucht: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, / die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen“ (Hiob 3,3). Elifas begreift, dass sein Freund nicht mehr er selbst ist, als dieser sich selbst vernichten möchte.

Aber nicht nur Hiobs Verhältnis zu sich selbst, sondern auch sein Verhältnis zur Welt und ihren sozialen Normen ist gestört. Ist Hiob nämlich im Recht, erkennt Elifas, ist auch dessen Gerechtigkeit „verflucht“, sind auch dessen gute Taten nichts wert: „Da antwortete Elifas von Teman […]: Sieh, viele hast du unterwiesen / und erschlaffte Hände stark gemacht. Dem Strauchelnden halfen deine Worte auf, / wankenden Knien gabst du Halt. Nun kommt es über dich, da gibst du auf, / nun fasst es dich an, da bist du verstört. Ist deine Gottesfurcht nicht deine Zuversicht, / dein lauterer Lebensweg nicht deine Hoffnung?“ (Hiob 4, 1–6).

Es ist also die Auffassung des Elifas, dass Hiob sich täuscht. Die Welt ist nicht so verloren, wie Hiob es scheint. Und Elifas erinnert seinen Freund an die höhere Ordnung der Welt.

Arbeitsanregung:

  1. Vergleichen Sie zunächst Hiobs Aussagen (z. B. Hiob 9, 1–35; 16, 16–21) mit den Aussagen seiner Freunde (z. B. Hiob 4, 1–5, 27).
  2. Die Welt – Spiegel einer höheren Ordnung oder des alles verschlingenden Nichts? Wie würden Sie entscheiden? Versetzen Sie sich dafür in Elifas oder Hiob oder eine andere prominente literarische Figur und führen Sie ein fiktives Gespräch zwischen „Jasager“ und „Neinsager“.

Hiob

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Der reiche Hiob ist der Spiegel, in dessen Rahmen das Leiden sich beispielhaft vor Augen stellt, allerdings mit schrecklichen Verzerrungen. Sogar der Satan in Person erscheint in Hiobs Geschichte, um den Gottesmann in Versuchung zu führen. So züchtigt er Hiob, um dessen Frömmigkeit auf die Probe zu stellen. Nicht genug, dass der reiche Mann dabei all sein Vieh einbüßt, auch die Knechte kommen um, Hiobs Söhne und Töchter werden bei einem Wirbelsturm erschlagen. Doch Hiob widersteht dem Satan. Nun muss unbedingt angemerkt werden, dass Hiob und sein Widersacher einander nie begegnen. Hiob übersteht die Probe, ohne eigentlich von der teuflischen Probe zu wissen. Wer und was ihm das Leid auferlegt hat, bleibt ihm unklar.

Hiob wird ein zweites Mal auf die Probe gestellt. Diesmal unterliegt er und seine Hoffnung schwindet. Er möchte sterben. Da Hiob aber nicht weiß, weshalb er ins Unglück gestoßen worden ist, klagt er anfangs nicht Gott an, sondern sich selbst. Der Leser bemerkt, wie sehr Hiob von Schrecken und Trauer überwältigt ist. Der Leser sieht, dass Hiob sich selbst vernichten möchte. Vieles in Hiobs Vorstellungen entspricht dem, was Sigmund Freud über Trauer und Melancholie ausgeführt hat: schmerzliche Verstimmung, Abfall der Leistung, Passivität, Ichverarmung, Selbsterniedrigung, Lebensunlust.

In dem vorliegenden Text geht Sigmund Freud anfangs der Frage nach, was Trauer und Melancholie miteinander verbindet. Der Text ist Freuds Abhandlung „Über Trauer und Melancholie“ entnommen. Die Abhandlung ist im Jahr 1917 erschienen. Freud legt dar, dass Trauer und Melancholie der Verlust eines Liebesobjekts zu Grunde liegt. Trotz dieser Gemeinschaft würden Trauer und Melancholie unterschiedlich bewertet. Hinzu kämen weitere Gemeinsamkeiten, wie der Autor feststellt. Am Ende hebt er doch einen gravierenden Unterschied zwischen Trauer und Melancholie hervor. Das Besondere an der Melancholie sei der Verlust an Selbstgefühl.

Z. 1–12: Der Zusammenhang von Trauer und Melancholie,
Z. 13–17: Melancholie als Herabsetzung des Selbstgefühls,
Z. 18–27: Weitere Gemeinsamkeiten von Trauer und Melancholie,
Z. 28–44: Melancholie als Krankheit.

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Theodizee

Die Aufgabe einer Kritik Gottes lässt sich als die Frage nach seinem Verhältnis zum Leid beschreiben. Dabei gehört zum Leid im eigentlichen Sinn des Wortes nur das moralisch wirksame Leid. Denn nur wenn mein Sinn für Recht und Gerechtigkeit verletzt ist, dann leide ich wirklich. Nur das sittlich wirksame Leid empfinde ich als böse. Es ist klar, dass neben dem Leid im moralischen Sinn weitere Kategorien des Leids existieren – Formen des Leids, die ich nicht oder allenfalls bedingt beeinflussen kann, unverschuldete Naturkatastrophen zum Beispiel, Krankheiten. In solchen Fällen leide ich in physischer Beziehung. Als böse wahrgenommen werden diese Formen des Leids allerdings nur dann, wenn ich sie personifiziere, wenn ich sie zu meiner Sache mache, wenn ich den Kampf gegen sie aufnehme. Es drängt sich daher die Frage auf, ob ein abstrakter Gott mir ein Maßstab im Kampf gegen das Leid sein kann.