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Gott ist namenlos

Erich Fromm: Gott ist namenlos (1966)

Aufgaben:

  1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Erich Fromms 1966 erschienener Aufsatzsammlung „Psychoanalyse und Religion“.
  2. „Keine Bildnisse von Gott, aber Gleichnisse!“ – Prüfen Sie kurz, was diese Antithese für die Rede von Gott bedeuten könnte.

Ideen zur Lösung:

Der These, dass Gott größer sei als alle Vernunft, tritt der Gottesname diametral entgegen. So drängt sich die Frage auf, wie der Gottesname aufzufassen sei. Ist er nämlich eine Wesensbestimmung Gottes, könnte Gott als definierbar und damit der Vernunft unterworfen erscheinen. Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm geht dieser Frage nach und zeigt in dem vorliegenden Text, dass der Gottesname einen tieferen Sinn enthält. Der Sinn des Gottesnamens liegt laut Fromm darin, dass er als scheinbarer Widerspruch ernst genommen werden müsse. In Gottesnamen offenbare sich JHWH Moses weniger als der, der ist, sondern vielmehr als der, der sich ereignet. Dem Autor ist also vor allem daran gelegen, zu zeigen, dass unbeschadet des Bilderverbots der Gottesname annehmbar ist, da er auf sein Gegenteil verweist. Der Gottesname sei eine negative Wesensbestimmung Gottes. Der vorliegende Auszug mit dem Titel „Gott ist namenlos“ stammt aus der im Jahre 1966 herausgegebenen Aufsatzsammlung „Psychoanalyse und Religion“.

Der Text lässt sich in folgende Abschnitte unterteilen:
Z. 1–4: Der Gottesname im Widerspruch zum Bilderverbot,
Z. 4–8: Der Gottesname als Symbol einer den Menschen transzendierenden Realität,
Z. 8–15: Gott als unverfügbarer Horizont des Menschen,
Z. 16–25: Die Gottesoffenbarung an Moses,
Z. 26–31: Theologische Argumente für die Namenlosigkeit Gottes.

Jeder Name könnte als eine Abbildung verstanden werden, die das Wesen des Abgebildeten erschließt. Die Frage ist, ob solch eine Wesensbestimmung Gottes erlaubt ist und ob sie überhaupt möglich ist. Der These, dass eine Wesensbestimmung Gottes erlaubt sei, widerspricht das erste Argument, ein Autoritätsargument: „Die Bibel betont, der Mensch dürfe nicht versuchen, sich in irgendeiner Form ein Bildnis Gottes zu machen“ (Z. 2–3). Der Autor erläutert kurz, welchem Zweck das Bilder-Tabu dient (Z. 4: „um die Ehrwürdigkeit Gottes zu wahren“), um dann zur grundlegenden These überzugehen, ob eine Wesensbestimmung Gottes überhaupt möglich sei. Der Autor tritt der Möglichkeit einer Wesensbestimmung mit drei Argumenten entgegen. So stellt Gott für ihn das Symbol einer letztlich unfassbaren „geistig-seelischen Realität“ (Z. 7) im Menschen dar. Dieses Argument, das gegen die Wesensbestimmung Gottes sprechen soll, wird nicht weiter ausgeführt. Der anschließende Vergleich mit dem Horizont soll dieses Argument aber offensichtlich stützen. Sowohl das zweite (vgl. Z. 16–25) als auch das dritte Argument (vgl. Z. 26–31) gegen die Wesensbestimmung bzw. für die Namenlosigkeit Gottes sind als weitere Autoritätsargumente aufzufassen.

Auch wenn Erich Fromm den Gottesnamen abweichend übersetzt (Z. 24–25: „Mein Name ist Namenlos“), stimmt seine Argumentation grob gesprochen mit der theologischen Tradition überein. Der Name bzw. das Bild sind keine angemessenen Formen der Gottesdarstellung, wohl aber die Gleichnisse. Gleichnisse setzen nämlich Ereignisse, oder: das Leben selbst, voraus. Gleichnisse von Gott könnten daher, anders als Bildnisse, als offene Rede von Gott gedeutet werden.