Vorbilder in der Kirchengeschichte

Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 346 (284) https://www.e-codices.ch

Christliche Geschichtsschreibung

Immer ist ein Held zur Stelle, stellt der Leser bei der Lektüre des livianischen Geschichtswerkes fest, ein so genanntes Exemplum. Immer gibt es einen, der herausragt, sei es Brutus, der sich dumm stellt und vom belächelten Außenseiter zum Anführer des Aufstandes gegen die Königsfamilie wird. Oder eine einzelne Frau bäumt sich auf gegen den von den Stammesfürsten abgeschlossenen Vertrag, gegen die Geiselhaft, das Los, das Unterpfand eines Vertrages über Krieg und Frieden zu sein. Wird diese Frau von Livius heroisiert? Und viel wichtiger noch: warum?

An Vorbilder erinnert werden zu können, das ist Vorrecht des Menschen. Der Mensch weiß das Gedächtnis weitaus besser zu nützen als das Tier. Der Mensch vervollkommnet seine Gedächtniskunst zum Beispiel mithilfe der Schreibkunst: Er literarisiert seine Geschichte in der Chronik. Oder er stellt Biografien zusammen, durch die die Geschichte auf ungeahnte Weise Sinn erhält. Eusebius von Caesarea, der „Vater der Kirchengeschichte“, hat in dieser Beziehung mindestens zweierlei mit Livius, dem Autor der mehr als 700 Jahre umfassenden Geschichte Roms gemeinsam: Er konfrontiert den Leser einerseits mit prominenten Vorbildern und führt ihn andererseits in das Problem der Geschichtsschreibung hinein.

Aufgaben:

Reflektieren Sie in Ihrer Gruppe im PLACEMAT-Verfahren über folgende Fragen:

  • Was verstehen Sie unter „Geschichte“, was unter „Geschichtsschreibung“?
  • Was unterscheidet Ihrer Vermutung nach den römischen Geschichtsschreiber vom christlichen?
  • Zählen Sie aus der Kirchengeschichte bekannte Vorbilder auf, ergänzen Sie, wenn möglich, biographische Details zu den genannten Personen. Die Aufzählung könnte mit Paulus, dem „ersten Christen“  beginnen.
  • Worin könnte das „Problem christlicher Geschichtsschreibung“ bestehen?

Nero – König in Jerusalem?

Römer und Christen in Jerusalem

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Überall war seine stattliche Statue zu sehen, mit Riesenarmen und Riesenbeinen stand er an den Straßen und prunkvollen Bogen, manchmal saß er auf dem Rücken eines Pferdes, als wäre er unmittelbar zuvor siegreich von einem Feldzug zurückgekehrt. In Jerusalem, der heiligen Stadt der Ju-den, verhielt es sich damit nicht anders als in Rom. Als Nero den Astrologen Balbillus unter dem Wacholder nach seinem Schicksal befragte, hieß es, er werde als König in Jerusalem herrschen. Die Kunst werde ihn überall ernähren, hatte der Kaiser erwidert. (τò τέχνιον ἡμᾶς διατρέφει.) Dann legte er sich in den schimmernden Kies und stellte sich tot.

Aufgaben:

  • Stell dir vor, ein Sklave, der heimlich Christ ist, beobachtet am Hof des Kaisers, wie Nero sich darauf vorbereitet, die Königsherrschaft in Jerusalem anzutreten!
  • Wie reagiert der Christ – nennen wir ihn Claudius – auf dieses Vorhaben? Hilf ihm, einen Brief an den Apostel Petrus den Jerusalem zu schreiben.
  • Behandle dabei zum Beispiel folgende Fragen:
    Wird Nero in Jerusalem die Christen ebenfalls beschuldigen, mutwillig Brände in römischen Gebäuden gelegt zu haben?
    Wird Nero die allgemeinen Vorbehalte gegen die Christen (Religionsbuch, S. 128) weiter befördern?
    Wie sollen die Christen in Jerusalem sich gegenüber Nero verhalten?

GRÖSSERE GERECHTIGKEIT

Das Familienwappen des Tiberius

Anfangs war zwischen Arm und Reich noch alles in leidlicher Ordnung. Alle trugen den gleichen wollenen Umwurf, die Toga.

Nach den erfolgreichen Kriegen hatten sich die Gegensätze verschärft, die Kriegsbeute war ungleich aufgeteilt worden: Die Armen auf dem Land mussten sich neuerdings mit selbstherrlich auftretenden Großgrundbesitzern herumschlagen.

Die Armen in der Stadt gingen mit der Armut anders um als die Armen auf dem Land. Sie verschwanden in der Subura, dem ältesten Elendsviertel Roms. Auch die weiße Toga war in diesem Viertel beinahe verschwunden. Tiberius hatte den Wunsch, etwas an dieser Lage zu ändern. Die Frage der Landverteilung sollte nicht nur in der Senatsversammlung beraten werden, der ja viele Großgrundbesitzer angehörten.

Tiberius bestieg daher die Rostra. Der junge Mann, der in dem beständigen Verkehr hin- und hergejagter Leute auf dem Forum die Rednerbühne bestieg, stammte aus einer der vornehmsten Familien Roms, was allein an ihrem Alter ersichtlich war. Tiberius war erfüllt von der Sehnsucht nach der größeren Gerechtigkeit. Wie viele vom Hunger aufgedunsene Männer, Frauen und Kinder irrten in den Straßen umher! Sklaven stritten sich um einen dunklen Quadrans, der ihnen von Tiberius zugeworfen worden war. Der Gerechtigkeit wegen hatte der junge Mann sich in ein politisches Amt wählen lassen. Vielleicht auch um seinetwillen. Denn auch er sollte Erfolge haben wie alle in seiner alten und vornehmen Familie.

 

Arbeitsanregung:

Größere Gerechtigkeit – das könnte auch für Jesus ein Wappenspruch sein. Aber passt der Stier als Wappentier zu ihm?

  • Entwirf ein Wappen für Jesus. Dieses Wappenblatt soll das Titelblatt für deine Religionsmappe werden. Teile das Wappen in zwei Felder auf. Das linke Feld sollte das Familienwappen beinhalten, das rechte sollte für Jesus persönlich vorgesehen sein. Achte darauf, dass Jesus aus einer jüdischen Familie stammt (Religionsbuch S. 78–79). Welche Symbole sind typisch für eine jüdische Familie? Und was ist ein Symbol für Jesus persönlich? Fällt dir ein Wappentier ein? Vergiss auch nicht, ein Motto für Jesus zu formulieren!

Nabots Weinberg


Der Fall Nabot (1 Kön. 21,1–16)

In dieser Kriminalgeschichte ist die Schuld bereits erwiesen. Aller Verdacht muss auf Isebel fallen, König Ahabs Frau. Isebel, eine der Töchter König Etbaals von Phönizien, ist es nämlich, die auf die grausamste Art die Interessen ihres Mannes gegen Nabot durchsetzt, den Winzer mit dem schönen, hinter dem Palast bergan steigenden Weingut.

Abends ging Nabot, der Jesreelit, den Hügel hinauf; wo die Zweige sich öffneten, stand er lange und betrachtete das Erbstück des Vaters. Auch er hatte Anspruch auf Gehör.

Ein Zeuge zeigt sich während der Verhandlung bestürzt darüber, wie spärlich die Informationen fließen. Er verstehe die Logik des Prozesses nicht. Kein angeblicher Zeuge könne ihn dazu bringen, zu glauben, dass Nabot ein Lump gewesen sei.

Unten aus der Ebene blickten Türme und Häuserlasten zu Nabot hinauf. Des Königs Türme.

 
Arbeitsanregungen:

  1. Nabot erwartet ein trauriges Schicksal. Lies seine Geschichte (1 Kön. 21,1–16). Überlege: Wer könnte Nabot retten? Seine geliebte Frau Deborah (s. die Todesanzeige)? Oder sogar König Ahab selbst? Erfinde zu Nabots Geschichte ein neues Ende. Erzähle aus der Sicht Deborahs oder König Ahabs.
  2. Stell dir vor: Königin Isebel wird der Prozess gemacht. Inszeniere im Rahmen eines Rollenspiels eine spannende Gerichtsverhandlung.

 

Bei den Terebinthen

Immer das Gleiche und das jeden Tag, das bringt jeden um. Immer die gleichen Wege, die gleichen Weiden und Pflanzen. Abram hat das Wünschen jedoch nicht aufgegeben. Von Haran aus zieht er westwärts. Bei den Terebinthen von Mamre macht er Rast, stärker als sonst sich der Schwierigkeiten seines Wegs bewusst.
 
Können Wunschträume zu Visionen werden? Abram hat eine gewaltige Vision: In Mamre erscheint ihm Gott in dreifacher Form, in Gestalt von drei Männern.
In der Bibel heißt es:
„Und der HERR erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre, während er am Eingang des Zelts saß, als der Tag am heißesten war. Er blickte auf und schaute sich um, sieh, da standen drei Männer vor ihm. Und er sah sie und lief ihnen vom Eingang des Zelts entgegen und warf sich nieder zur Erde“ (Gen. 18,1–2).

Arbeitsanregungen:

    Erzählt euch die Geschichte von Abraham. Teilt euch dazu in Gruppen ein und ordnet die Bilder der Abrahamerzählung in die richtige Reihenfolge.

 

Die großen Fragen

Nach unserem Versuch, die großen Fragen von den kleinen abzugrenzen, wenden wir uns nun ausschließlich den großen Fragen zu. Welche Fragen sind es und wofür sind sie da? Die Frage, warum Menschen böse sind, heißt auch, warum sie in diesem und in jenem Fall böse sind. So fragen heißt auch eine große Frage zu verkleinern. Die Antwort auf eine große Frage sollte nicht allzu viel Unbestimmtes enthalten, sie sollte selber „klein“ sein. Das ist die Regel: Große Fragen sollten kleine Antworten nach sich ziehen.

Beispiel

Große Frage:
Warum sind Menschen böse?

Fallfrage:
Warum hat jemand ausgerechnet
mein Fahrrad gestohlen?

Kleine Antwort:
Weil er schnell zu Geld kommen wollte.

Arbeitsanregung:

  • Wandle die großen Fragen im Religionsbuch (S. 11) in Fallfragen um und finde die passenden kleinen Antworten darauf. Arbeitet in Partnerarbeit.

Glaubenshindernisse

Drei Hindernisse zeigen sich beim Glaubensprozess:

  1. Die durchaus leicht zu gewinnende Einsicht in das Wesen Gottes wird verhindert durch den Zweifel an der Allmacht Gottes. Am Beispiel des Propheten Elias: Man zieht sich in die Höhle zurück, den sicheren Tod vor Augen (1. Kön. 19).
  2. Am Beispiel der Heuchler: Man verstrickt sich – unnötigerweise – in das gekünstelt wirkende Gebet (Mt. 5,5–15).
  3. Am Beispiel wortreicher Priester und Prediger: Ihre anschauliche Rede verdeckt die Einsicht in das eigentliche Wesen Gottes: seine Unanschaulichkeit.

Arbeitsanregungen:

Entwirf ein ABC der Gottesnamen: Allmächtiger, Barmherziger …
Welcher Name trifft deiner Meinung nach auf Gott zu?

Leos Sohn

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Durchgehend waren die Kirchenbänke in Fußhöhe mit Heizungsrohren versehen. Die Kirche war weit und dunkel. Nur nah beieinander stehende Kerzen waren als ein weißes Licht im Altarraum zu erkennen. Es war ein einfaches Volk, mit seinen Witzen zwischendurch, das nun Platz nahm. Manche mochten verheiratet sein, sie stießen einander in die Seiten, einander Anweisungen gebend. Manche hatten ihre Kinder in die dunkle Kirche mitgenommen, die jäh aufschrieen, was geisterhaft oder, je nach Betrachtungsweise, neurotisch klang. Der Pfarrer sagte, Leos Sohn sei gekommen, das einzige Kind, ganz plötzlich, und kümmere sich nun um ihn. Er bat, an Leo zu denken. Niemand dachte: „guter Sohn“. Es gab Menschen, für die bedeutete die Familie nur Mühe und Leid.

Jesu Botschaft geht weiter

– auch ohne Kirche

Klausurbeispiel:

Seit mehr als einem Jahrhundert wird der Satz des französischen Historikers und Theologen Alfred Loisy kolportiert: „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen ist die Kirche“. Der meist kirchenkritisches verstandene Satz ist seitdem in vielen Arbeiten zu christlichen Frühgeschichte Gegenstand der Untersuchung gewesen. Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch fasst in dem mir vorliegenden Textausschnitt den Konsens der neueren Forschung zusammen.

Der Text lässt sich in die folgenden Abschnitte gliedern:

1. Zwei Extrempositionen in der Frage, ob Jesus tatsächlich die Kirche gestiftet habe (Z. 1–4),
2. Jesu Sorge um die Verkündigung des Reiches Gottes nach seinem Tod (Z. 5–14),
3. Auslegung der Worte Jesu an Petrus (Z. 14–38),
4. Fazit (Z. 39–53).

Der Leser könnte sagen: Kirche beginnt genau dort, wo die Frage nach der Struktur der Kirche aufhört. Dies muss bedacht werden, wenn man den Ausführungen Otto Hermann Peschs zur Stiftung der Kirche folgt. Von Anfang an muss daher auf die Differenz zwischen ultrakonservativen und „ultrarationale[n]“ (Z. 3) Christen reflektiert werden. Jene vertreten die Ansicht, dass Jesus Struktur und Verfassung der Kirche intendiert habe (vgl. Z. 46), diese dagegen leugnen, dass er solches gewollt habe, meinen sogar, dass er „nicht einmal an so etwas [d. h. an eine Kirche, Anm. von mir] gedacht“ (Z. 4) habe. Diese beiden Extrempositionen sind im Hinblick auf die vorliegende Argumentation von vornherein auszuschließen. Zwei Bibelzitate, auf die Otto Hermann Pesch im vorliegenden Text sein Augenmerk richtet, stellen sich diesen Extrempositionen in den Weg.

Das erste Zitat (Lk 22,15–18), das Jesu Worte beim letzten Mahl vor seinem Tod beinhaltet (vgl. Z. 8–12), macht klar, dass Jesus zunächst nicht nach der Kirche, sondern nach dem Reich Gottes verlangt. Seine Sorge gilt seinen Jüngern, die nach seinem Tod in der Mahlgemeinschaft zusammen bleiben sollen, „bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes“ (Lk 22,16; Z. 9–10). Das sich erfüllende Reich Gottes erfordert offenbar keine anderen Strukturen als die Mahlgemeinschaft der Jünger und die Verkündigung der Botschaft Jesu. Damit wäre also die ultrakonservative Position widerlegt: Vorgaben in Richtung auf amtliche Strukturen fehlen in Jesu Worten.
Otto Hermann Pesch legt den Mahlbericht so aus, dass Jesus offenbar fest damit rechnet, dass es mit der Verkündigung des Reiches Gottes nach seinem Tod weitergeht (vgl. Z. 13–14).

Im Folgenden wendet sich Pesch dem sogenannten Felsenwort zu: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18; zitiert nach Pesch, ebd. Z. 15–16). Bekanntlich hat Jesus eine derart hohe Meinung von Petrus, als dieser ihm sein Vertrauen erweist, dass er ihn als Felsen der Kirche apostrophiert. Für Pesch ist klar, dass Petrus damit eine führende Rolle im Kreis der Zwölf zugewiesen wird. Dass dies keine subjektive Auslegung des Felsenwortes ist, geht – laut Pesch – schon daraus hervor, dass Petrus in der Folge tatsächlich diese Autorität besessen hat (vgl. Z. 16–19). Es sei also objektiv so, dass Petrus eine führende Rolle gespielt habe. „Kaum“ (Z. 21) werde Petrus aber von Jesus das Papstamt zugesprochen, auch sei eine Sukzession der Bischöfe bzw. Päpste in Rom – bis 189 – historisch nicht nachgewiesen (vgl. Z. 29–33). Sicher sei vorher schon eine Gemeindestruktur in Rom ausgebildet gewesen: „[M]it Sicherheit existierte die römische Gemeinde schon vor seiner Ankunft“ (Z. 27–28). Und es sei möglich, dass die Gemeinde in Rom gar nicht von einem Bischof geleitet worden ist. Das Felsenwort sei folglich wie andernorts auch im allgemeinen Sinn auszulegen (vgl. Z. 23–25).

Generell betrachtet ist damit ein offenes Kirchenverständnis ausgesagt: „Die Struktur der Kirche ist von Jesus her vollkommen offen, und die junge Kirche hat damit auch keine Probleme gehabt“ (Z. 44–45). Dies sei laut Pesch auch der Standpunkt des Weltkatechismus, der Mt 16,18 entsprechend vorsichtig auslegt (vgl. Z. 41–44).