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Die Insel der Gerechten

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Die Sache der Gerechtigkeit

Zur Tugend im ursprünglichen Sinn des Wortes wird Gerechtigkeit erst dann, wenn sie wirklich in sittliche Verhältnisse eingreift. Nur so entsteht das gemeinsame „gute“ Leben. Es hat allerdings den Anschein, als ob die Vorstellung von einem „guten“ Leben unvereinbaren Einzelinteressen folgt. Ist das so, dass der Einzelne stärker durch sein Eigeninteresse gelenkt wird, dann dient Gerechtigkeit aber allein dem Zweck, Schlimmeres, das sich sich daraus ergeben könnte, zu verhüten. Sie erscheint als Mittel des Ausgleichs, und ihre Nähe zu Gesetz und Strafe ist damit implizit gegeben. Ein Schaden wird zum Beispiel aufgrund des Gesetzes wiedergutgemacht. Derjenige, der den Schaden verursacht hat, ist unter der Androhung von Strafe dazu verpflichtet, einen angemessenen Ausgleich zu leisten. Es drängt sich die Frage auf, ob die Idee der Gerechtigkeit damit erfüllt wäre. Gerechtigkeit macht offenbar Mühe, und ihre Sache bedarf des Gesetzes und der Strafe.

Arbeitsanregungen:

Sie haben sich entschlossen, der Idee der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt gerecht zu werden und sind dafür gemeinsam auf eine Insel gezogen. Das gemeinsame „gute“ Leben soll von Regeln bestimmt sein. Einigen Sie sich auf

  1. zehn Regeln,
  2. und einen gemeinsamen Tagesplan.

Überlegen Sie dabei, wie Sie individuelle und allgemeine Interessen miteinander vereinen können, wie Sie die notwendigen Aufgaben verteilen. Verhängen Sie Strafen, falls die Inselregeln nicht befolgt werden? Begründen Sie möglichst viele Entscheidungen grundsätzlicher Art mit den entsprechenden Versen aus der Bergpredigt. Protokollieren Sie Ihre Beratungen und Entscheidungen und hängen Sie die Inselordnung auf Plakaten aus.

Das Gesetz ist überall zu finden –

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Gerechtigkeit und Gesetz

Im Matthäusevangelium steht die Bemerkung über Josef, der sich Maria, seiner Verlobten, gegenüber gerecht verhält, indem er ihr Kind adoptiert (vgl. Mt 1,18–25). Der Fall liegt so: Als seine Verlobte einen Sohn empfängt, weiß Josef, dass er nicht der Vater ist. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass Josef, der einfache Zimmermann, den Fall zur Anzeige gebracht und damit öffentlich gemacht hätte. Im Gegenteil, rechtschaffen, wie er ist, möchte er Maria heimlich aus dem Verlöbnis entlassen. Nicht in bitterer Rechthaberei, sondern in der Gerechtigkeit steckt der Segen. Dieser Gedanke wird dem Leser des Matthäusevangeliums immer wieder entgegengehalten, und er wird in der Vorgeschichte des Evangeliums bereits deutlich. In der Bergpredigt steht dann genauer, was unter der Gerechtigkeit zu verstehen sei: die Erfüllung des Gesetzes (vgl. Mt 5,17–20). Die irdische Tora, das Gesetz, ist jüdischer Denkungsart zufolge überall zu finden: „Denn Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschieht“ (Mt 5, 18). Nur soviel ist allerdings klar: Die Gerechtigkeit darf nicht in Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit enden, sonst blieben nämlich die Tore der himmlischen Tora verschlossen. „Ich sage euch nämlich: Wenn eure Gerechtigkeit nicht im Überfluss vorhanden ist, mehr als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr keineswegs in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20).